Ein komplexes Problem? Es ist nicht kompliziert!

Aktualisiert: 20. Sept 2020


Und das ist wortwörtlich gemeint. Denn für die mündliche Prüfung wird die Lösung eines komplexen betrieblichen Problems benötigt. Es ist wichtig, den Unterschied zu verstehen, denn komplex ist doch anders als kompliziert. Es mag zwar zuerst ähnlich klingeln, aber wie immer, der Teufel steckt in Details.


Was ist komplex und was ist kompliziert?


Basierend auf den Fragen, die immer wieder kommen, stelle ich fest, dass die meisten Teilnehmenden eher bei der Präsentation an „kompliziertes“ Problem denken. Vor kurzem hatte ich sogar gehört: „Aber es soll doch ernsthaftes Problem sein!“.

In einem sind komplexe und komplizierte Sachverhalte ähnlich: Sie werden nicht im ersten Anlauf gelöst.

Werfen wir aber zuerst den Blick in Duden rein. „Kompliziert“ wird als „schwierig; verwickelt; [aus vielen Einzelheiten bestehend und daher] schwer zu durchschauen und zu handhaben“ beschrieben. Als Beispiel wird hierzu oft eine Uhr oder ein ICE genannt. Levente Dobszay beschreibt es gut: Die Zahl von Elementen ist bei komplizierten Sachlagen zwar schwer zu überschauen, aber deren Struktur baut auf einer endlichen Menge relativ einfacher Regeln auf. Ein gelungenes Kriterium zum Herausfinden, ob man ein kompliziertes Problem hat, gibt Florian Frankl auf Q-Enthusiast. Man stellt sich die Frage, ob über den Sachverhalt ein Handbuch geschrieben werden kann. Wenn es klar definiert werden kann, welche Auswirkungen diejenige Handlung haben wird, dann handelt es sich um ein kompliziertes Problem.

Wie Sie schon ahnen, gibt es kein Benutzerhandbuch oder Bedienungsanleitung für Jahresabschlussanalyse, sonst wären ja die Bilanzbuchhalterinnen und Bilanzbuchhalter obsolet und Sie würden sich nicht dieser nicht leichten Weiterbildung unterziehen. Und wenn es nicht möglich ist, ein Handbuch zu einer Problematik zu schreiben, dann handelt es sich um ein komplexes Problem, wie Florian Frankl sagt.

Die Komplexität von Problemen verlangt Analyse, nicht Vereinfachung. (Helmut Glaßl, Maler und Astrophysiker.)

Kompex“ definiert Duden als „ vielschichtig; viele verschiedene Dinge umfassend; [...] zusammengesetzt; [...] ineinandergreifend, nicht auflösbar“. Und während „kompliziert“ vom lateinischen Wort complicare (verwickeln, verwirren) stammt, kommt der Begriff „komplex“ von complecti (umfassen, zusammenfassen). Entscheiden ist dabei, dass die Einflussfaktoren sich durch Wechselwirkungen und Rückkopplungseffekte gegenseitig beeinflussen („inaneinandergreifend“).

Levente Dobszay betont, dass das Lösen von komplexen Problemen geschieht nicht alleine durch Technik oder Handbücher, da die Lösung nur schwer bis gar nicht voraussagbar ist. Diese Probleme können nur von Menschen gelöst werden und benötigen Fachwissen und Zeit.


Mekrmale der Komplexität


Betsch, Funke und Plessner beschreiben folgende fünf Merkmale von einem komplexen Problem, die wie Prüfkriterien verwendet werden können:

  1. Komplexität im Sinne der Anzahl beteiligter Einflussfaktoren,

  2. Vernetztheit im Sinne der Beziehungen zwischen den beteiligten Faktoren,

  3. Intransparenz im Sinne fehlender oder nicht zugänglicher Informationen über die Problemlage,

  4. Dynamik im Sinne der möglichen Veränderung einer gegebenen Situation über die Zeit hinweg und

  5. Vielzieligkeit im Sinne der beteiligten Werte und Zielvorgaben


Komplexität im Sinne der Anzahl der beteiligten Einflussfaktoren


Bei einer Jahresabschlussanalyse wird mit Kennzahlen gearbeitet. Die Kennzahlen bilden aber nur die Geschehnisse im Unternehmen auf aggregiertem Niveau ab. Die Ermittlung von Kennzahlen stellt somit bereits „komplexitätsreduzierende

Maßnahmen“ dar. Das ist ein notwendiger Schritt in Lösung der Probleme, da die menschliche Informationsverarbeitung nur begrenzte Kapazität hat. Sie haben es schon, und ich möchte es nur Ihnen in Erinnerung rufen. Schauen Sie mal, welche Anzahl an Faktoren nur diese eine Kennzahl ROI (DuPont-Schema) beeinflussen können. Und das sind bei Weitem nicht alle Variablen, jede von diesen kann tiefer aufgebrochen werden:


Quelle: wikipedia


Vernetztheit im Sinne der Beziehungen zwischen den beteiligten Faktoren


Die Aufgabe hier besteht nur darin, selbst bei der Erstellung der Präsentation die Komplexität aus den Augen nicht zu verlieren und Ihren Zuhörenden diese bewusst zu machen. Es könnte relativ leicht gelingen, wenn man bestehendes Problem gleichzeitig in allen drei Bereichen der Jahresabschlussanalyse betrachtet:

  • Was passierte im Vermögen des Unternehmens?

  • Wie wirkte sich das Problem auf die Finanzlage?

  • Wie beeinträchtigte es die Ertragslage?


Wenn Ihr ausgewähltes Problem alle drei Cluster betrifft, dann ist die „Vielschichtigkeit“ bereits gegeben. So macht zum Beispiel nicht ausreichende Liquidität eine Fremdkapitalaufnahme nötig, was wiederum die Rentabilität verschlechtert. Die geminderte Rentabilität wirkt sich ebenso auf die Eigenkapitalquote. Das ist jetzt nur eine vereinfachte, plakative Darstellung, um die Vernetztheit zu skizzieren.

Bei der Erarbeitung der Lösung ist es hilfreich, stets die Vernetztheit hervorzuheben, indem man eine mögliche Handlung ebenso im Licht sowohl der Vermögens- als auch Ertrags- und Finanzlage darstellt.


Intransparenz im Sinne fehlender Informationen über die Problemlage

Der Handlungsbereich „Jahresabschlüsse aufbereiten und auswerten“ schenkt uns geradewegs das dritte Kriterium, die Intransparenz. Denn dadurch, dass bei der Analyse nur verdichtete Informationen vorliegen, fehlen die genaueren Daten über die Problemlage. Das Problem, das wir definieren, ist ein vereinfachtes Modell der Realität und somit nur eine Hypothese, die gestellt wird. Erst wenn wir alle tatsächlichen Faktoren bis auf möglichst verfügbare Tiefe untersucht hätten, hätten wir vielleicht, aber nur vielleicht, fast alle Informationen. Denken Sie dabei auf das Risikomanagement (Lernfeld 6: Ein internes Kontrollsystem sicherstellen): Die nicht identifizierten Risiken bleiben immer. Wenn man während der Präsentation einen Wettbewerbsvergleich vornimmt, so sind diese fehlenden Informationen dazu nicht zugänglich.


Dynamik im Sinne der möglichen Veränderung

Betsch u.a. beschreiben dieses Merkmal so, dass die Problemlösenden die Veränderungen der gegebenen Situation bedenken und Prognosen über zukünftige Situationsentwicklungen machen. Dieser Aspekt kann dadurch realisiert werden, dass man bei jeder Alternative, die als Lösung vorgeschlagen wird, genauso eine Analyse der Entwicklungen macht. Diese Planungsebene sollte man auf die „normale“ Planung des Geschäftsjahres quasi drauflegen.


Vielzieligkeit im Sinne der beteiligten Werte und Zielvorgaben

Die Vielzieligkeit ist schon durch die verschiedenen Zielkategorien eines Unternehmens und unterschiedliche Beziehungen (komplementäre, neutrale, konfliktäre) zwischen diesen Zielen vorhanden. Als Konsequenz daraus erwähnt Betsch die Notwendigkeit dessen, dass die Problemlösenden Prioritäten setzen und dadurch Wertkonflikte lösen müssen. Hier sollte man ebenfalls sowohl sich selbst als auch den Prüfenden klarmachen, in welcher Zielhierarchie das Management die finanziellen Ziele des Unternehmens einordnet und wie sich jede vorgeschlagene Lösung auf die jeweiligen Zielsetzungen auswirkt. Die Priorisierung nach Zielvorstellungen kann ebenfalls eine Unterstützung bei der Auswahl der bevorzugten Alternative sein.


Quelle: Eigene Darstellung, basierend auf Schsuter, Uskova (2018), S.4


Ich hoffe, dieser Beitrag konnte die komplizierte Frage über "ein komplexes Problem" etwas entwirren;-)



Quellen:

Betsch, Tilmann; Funke, Joachim; Plessner, Henning (2011): „Problemlösen: Grundlegende Konzepte.“ In: Denken – Urteilen, Entscheiden, Problemlösen: Allgemeine Psychologie für Bachelor. Herausgegeben von Tilmann Betsch; Joachim Funke; Henning Plessner. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, S. 137–159. Online im Internet: DOI: 10.1007/978-3-642-12474-7_12


Florian Frankl (2017): Q-Enthusiast - Das neue Qualitätsmanagement. Der Unterschied zwischen kompliziert nd komplex - einfach erklärt. Online im Internet: URL: https://q-enthusiast.de/unterschied-zwischen-kompliziert-und-komplex-gibt-es-denn-einen/ (Zugriff am: 09.09.2020).


„Kompliziert oder komplex?“ (o. J.): Kompliziert oder komplex? Online im Internet: URL: https://www.bulletin.ch/de/news-detail/kompliziert-oder-komplex.html (Zugriff am: 09.09.2020).


Schuster, Thomas; Uskova, Margarita (2018): Finanzierung und Finanzmanagement: Lehr- und Übungsbuch für das Master-Studium. Wiesbaden: Springer Gabler (= Lehrbuch).


„Du-Pont-Schema“ (2019): In: Wikipedia. Online im Internet: URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Du-Pont-Schema&oldid=193920240 (Zugriff am: 09.09.2020).

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